Nett = langweilig?

Hallo? Hallo? Haaaaaallloooooo?!? Wollte diese Frau gerade etwas von mir? Ich bin vertieft in mein Buch, klebe an der Geschichte, bin mittendrin – gerade laufe ich dem Schurken hinterher 🤣 – . Und ausgerechnet JETZT …
In der rechten Hand  mein „Coffee to go“, links mein spannendes Buch. Endlich Pause, frische Luft und diese verdammt packende Story. Manchmal frage ich mich tatsächlich, ob ich irgendwelche Lockstoffe ausdünste, die anderen Menschen signalisiert, mich ungefragt anzusprechen. Es passiert mir am laufenden Meter.

Foto von Andrew Thornebrooke auf Unsplash

Knurrig hauche ich ein «Ja bitte?» und schaue wartend in das freundliche „Inge Meysel-Gesicht“. Sofort fühle ich mich schlecht. „Mama Mia, sei doch bitte etwas freundlicher.“ Meine innere Stimme mahnt mich mit erhobenen Zeigefinger zur Contenance. Die alte Frau nimmt es mir offenbar nicht übel.

Unbeholfen schleppt sie einen in die Jahre gekommenen Einkaufs-Trolley hinter sich her. Der „Rentnerporsche“ ist genauso gross und träge wie sie selbst. Sie macht einen bedauernswerten Eindruck. Ihre viel zu grossen Schuhe bestehen aus loosen Sohlen und halten sich noch mit letzter Kraft am restlichen Oberschuh fest. Mit Parka und Regenhose könnte man denken, sie ist auf dem Weg zu einer Expedition. Und dies an einem Hitzetag im August.

„Ich suche den Supermarkt.“ flüstert sie mir verschwörerisch zu.

„OHHH… OK, den Supermarkt. Na, der befindet sich genau vis à vis auf der anderen Strassenseite.“ entgegne ich schmunzelnd.

„Ach so!“ antwortet sie einsilbig. Ehrlich gesagt, rechne ich nun damit, dass sie mich um etwas Münzgeld bittet. Fehlanzeige. Sie schaut mich einfach unentwegt mit leerem Blick an.

„Sie sind ja so nett!“ meint sie plötzlich. Das klingt im ersten Moment nach einem Antikompliment, was hübsch verpackt ist. „Oh vielen Dank!“ antworte ich leicht verwirrt und denke bei mir: PUH … meine Schokoladenseite habe ich heute ja noch gar nicht in Szene gesetzt 😬.

Achtung – fertig – lieb sein!

„Soll ich sie denn zum Supermarkt begleiten?“ Nun strahlt sie mich hellwach an. „Das würden sie wirklich für mich tun?“ „Ja klar. Das machen wir.“ Meine Siebensachen landen im Rucksack und ich springe postwendend auf. Gemächlich setzen wir uns in Bewegung und überqueren in Zeitlupentempo die Strasse.

„Nett ist die kleine Schwester von Sch …“

Für mich ist „nett sein“ eine ausgesprochen positive Eigenschaft und hat so gar nichts mit „langweilig“ oder „schwach“ zu tun.

Trotzdem: Freundliche Menschen werden häufig unterschätzt und leider Gottes auch ausgenutzt. Deshalb: Übertreiben sollte man es als Gutmensch nicht. Grenzen ziehen und für die eigenen Bedürfnisse einstehen, ist und bleibt megawichtig. Zähne zeigen und den Mut zum „Nein“ sagen, ist auch als netter Mensch durchaus möglich. Ohne dabei Wertschätzung und Respekt zu verlieren.

„TA DAHH … hier sind wir.“ Oma Meysel lächelt mich an und nuschelt leise: „Vielen Dank für ihre Zeit und Mühe. Darf ich ihnen denn ein Gipfeli mitbringen?“ Ich bin total gerührt von ihrer Geste und antworte mit einem glasklaren und herzlichen: „Nein Danke!“