Neulich auf der Damentoilette

Nach dem Besuch auf der Toilette geht’s zum Hände waschen. Der übliche Blick in den Spiegel folgt.  Grimasse schneidend – like Mister Bean – wird kontrolliert: Sitzt die Frisur? Lippenstift nachziehen? Essensreste in den Zähnen? OK, passt!

Die Frau neben mir fingert sich am Auge herum. Sehr wahrscheinlich stört sie etwas. Tja, mein Kennerblick sagt sofort: die Kontaktlinse ist schuld. KLACK – die Linse fällt – der Schrei des Entsetzens folgt sogleich: „UHH nein, auch das noch!“ Das kleine transparente 😊 Stück Kunststoff liegt nun irgendwo in den Weiten eines riesig anmutenden weissen Waschbeckens. Zweite,  ganz typische Reaktion: „STOPP nicht bewegen: Meine Linse…!“

Ich reagiere natürlich sofort. Logisch, ich bin ja auch die ultimative Kontaktlinse -Suchmaschine 😊. Ich indexiere augenblicklich mit meinen Adleraugen die nähere Umgebung. „Keine Panik, ich komme vom Fach:  Ich bin Kontaktlinsenspezialistin.“ Im gleichen Moment denk ich mir: Spielt das überhaupt eine Rolle? Aber eben: Vertrauen aufbauen ist ja immer gut😊! Sie lächelt zaghaft. Die Suche beginnt: Akribisch mit der Spürnase eines Fährtenhundes machen wir uns gemeinsam ans Werk.

Foto von Dan Meyers auf Unsplash

Fakten – Fakten – Fakten

Fakt 1: Kontaktlinsen landen meistens nicht dort, wo man sie zuerst vermutet.
Fakt 2: Jeder Wassertropfen kann eine Kontaktlinse sein.
Fakt 3: Möglichst hektische Bewegungen vermeiden.

Nach meiner ganz persönlichen Statistik gibt es ein Ranking:

Platz 1
Die Linse liegt im Lavabo. Randbemerkung: Einfacher wird die Sucherei bei einer getönten Linse.
Platz 2
Die Linse schmiegt sich wie ein Chamäleon an den chromstahlfarbenen Wasserhahn. Also: immer sämtliche Armaturen absuchen.
Platz 3
Die Linse versteckt sich in der Bekleidung. Besonders gerne verkriechen sich Linsen in Tüchern, Krägen und im Dekolleté 😉.
Platz 4
Die Linse befindet sich irgendwo. Pech gehabt, jetzt geht’s länger und der Suchradius muss ausgeweitet werden. Nichts für schwache Nerven und starke Fehlsichtigkeiten.
Platz 5
Die Linse sitzt noch auf dem Auge, hat sich aber dummerweise verschoben.

BLING! In meinem peripheren Gesichtsfeld zwinkert mich plötzlich etwas an! Könnte das nicht …? Tatsächlich! Am Übergang von Becken und Ablagetisch schlummert «der Schlingel» und wartet artig auf seinen Kontaktlinsenberechtigten. Die Frau seufzt erleichtert. „Hey, da bist Du ja!“
Ich lege die Linse vorsichtig in meine Hand.

Böse Mikroorganismen

Ganz wichtig: Die Linse nicht in diesem Zustand aufs Auge setzen! Heimtückische Keime und Mikroorganismus sind überall – besonders auf öffentlichen Toiletten! Die Linse muss desinfiziert werden.

SIMSALABIM! Ich zaubere aus meinem Necessaire einen geeigneten Reiniger für Kontaktlinsen heraus. Jetzt staunt die Frau Bauklötze und schüttelt ungläubig ihren Kopf. „Also, Sie sind ja wie … wie Robin Hood!“ Ich muss grinsen und meine: „Nein, ich bin einfach gut organisiert!“

Die harte Kontaktlinse habe ich ihr wieder auf das Auge gesetzt – selbstverständlich zuerst gründlich geputzt und dann grosszügig geduscht mit Benetzungsmittel  -. Das gehört ja schliesslich zum Service eines Robin Hood 😉. Meinem Notfallset sei Dank!

Übrigens: die Frau gehört zwischenzeitlich seit über fünf Jahren zu meinen treuen Kunden. In jeder Routinekontrolle lachen wir über unser «Blind Date».