Endlich wieder sehen können!

Schon lange her, dass mich ein Kontaktlinsenfall so sehr beschäftigt und berührt hat. Ein Fall, den man nicht alle Tage hat und mit einem tragischen menschlichen Schicksal verbunden ist. Ein Fall, der einem aufzeigt, wie klein und unwichtig die eigenen Probleme sein können.

Letzte Woche bekam ich einen Anruf eines Augenarztes, der mich bat, bei einer Patientin mit einem sehr interessanten operierten Auge, eine therapeutische Kontaktlinse aufzusetzen. An sich für uns nichts Ungewöhnliches, eine Tätigkeit, die in unserem alltäglichen Geschäft immer mal wieder vorkommt. Ich sollte der Patientin eine neue weiche Kontaktlinse zum Schutz ihrer vor zwei Tagen operierten Hornhaut aufsetzen. Es würde sich dabei um die sogenannte „Boston-Keratoprothese“ handeln. Der Augenarzt geriet förmlich ins Schwärmen.

Eine klare und durchsichtige Hornhaut ist unter anderem die Voraussetzung für ein gutes Sehen. Allerdings kann es zu Erkrankungen der Hornhaut kommen, welche die Oberfläche eintrüben. Normalerweise wird in solchen Fällen eine klare Hornhaut eines Verstorbenen verpflanzt. Leider gibt es aber Fälle, bei denen eine solche konventionelle Transplantation scheitert und eine „künstliche“ Hornhaut, die sogenannte Keratoprothese, Verwendung findet. Dafür braucht es ein Material, welches sich mit dem eigenen Körpergewebe verbinden kann. Für die Herstellung einer Keratoprothese wird üblicherweise ein eigener Zahn entfernt, die Zahnwurzel halbiert und durchbohrt, damit ein Plexiglaszylinder eingefügt  werden kann. Damit erreicht man eine feste Verbindung zwischen der künstlichen Optik und der körpereigenen Zahnsubstanz, die sich an das Knochengewebe anschliesst. Dieses Implantat, quasi ein “künstlicher Sichtkanal“ der Prothese, wird auf die Hornhaut des erkrankten Auges eingesetzt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Nervenzellschicht und der Sehnerv des erkrankten Auges intakt sind, nur dann hat der Patient nach der Operation wieder ein gutes Sehvermögen.

In meinem Fall handelt es sich aber um das sogenannte „Boston-Keratoprothese-Verfahren“. Dabei wird ein Kunststoffzylinder in die Hornhaut eingeklemmt. Die ansonsten wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz des Prothesenmaterials mit dem Körpergewebe entfällt. Allerdings können Epithelzellen einwachsen und damit den langfristigen Erfolg verhindern.

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Bildquelle: ophthalmic concultants of vermont

Die Patientin kam zu mir, völlig verängstigt. Angst vor dem Verlust des rechten Auges, auf dem linken Auge ist sie blind. Angst vor einer verunreinigten Kontaktlinse, welche ihr in der Vergangenheit bereits schwerwiegende Entzündungen beschert hatte. Angst vor einer ihr unbekannten Person, die es einmal mehr versuchen sollte, eine Linse auf ihr sehr schmerzempfindliches Auge zu setzen.

Beim Blick durch die Spaltlampe war klar, dass die bereits vorhandene Kontaktlinse entfernt werden musste, da sie nicht auf dem Transplantat, sondern daneben dezentriert sass und damit die eigentliche Schutzfunktion nicht übernehmen konnte. Nach langem gutem Zureden, konnte ich die Linse glücklicherweise entfernen. Trotzdem musste ich ja wieder eine neue sterile therapeutische Kontaktlinse aufsetzen. Das Aufsetzen der Kontaktlinse war nun etwas einfacher, da die Kundin allmählich Vertrauen zu mir bekam. Ein schwieriges Unterfangen war allerdings die Tatsache, eine ideale Linse zu finden. Da die Hornhaut mittig einem Krater gleicht und jede weiche Linse mittig aufsteht und dadurch eine Luftblase hineinzieht, ist das Sitzverhalten eher dürftig. Der Augenarzt konnte mich allerdings beruhigen, Priorität hat primär der Schutz der Hornhaut und die Linse müsse nur über einen Zeitraum von drei Monaten permanent getragen werden.

Meine Kundin ist eine sehr starke Persönlichkeit mit 58 Jahren, von Beruf Konzertpianistin. Sie hat bereits 18 Operationen am rechten Auge hinter sich, war früher auch auf den Blindenstock angewiesen, hatte aber die Hoffnung nie aufgegeben eines Tages wieder auf dem rechten Auge „etwas“ sehen zu können. Dies ist mit der Prothese nun wieder möglich. Ein kleiner Wehmutstropfen ist das eingeschränkte Gesichtsfeld. Dies ist vom Durchmesser und der Länge des eingepflanzten Kunststoffzylinders abhängig.

Als ich ihr die Kontaktlinse aufsetzte, lächelte sie und sagte: „Oh, da sitzt ja mein Mann!“. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie so verstört und auch ungeduldig sei. Aber in ihrem Leben ging es halt immer mal nach oben, dann wieder nach unten. Ich war total gerührt und zutiefst beeindruckt von ihr als Mensch. Ich wünsche ihr von ganzem Herzen nur das Allerbeste!

7 Gedanken zu „Endlich wieder sehen können!

  1. Ein sehr interessanter und rührender Beitrag, liebe Elisabeth. Es zeigt mir wieder wie besonders unser Beruf ist. Wieviel mehr als nur Kontaktologie-Kenntnisse wir erlernen durch unsere Tätigkeit. Und wie wichtig die Einfühlsamkeit unsererseits für jeden, der uns begegnet, ist. Diese brauchen die Menschen, die zu uns kommen am meisten. Und wir brauchen Kenntnisse, die weit über die Kontaktologie hinausgehen. Du bringst mich wieder auf neue Ideen! Mir fällt es wieder ein was ich noch unbedingt lernen möchte. Vielen Dank für Deine Energie, liebe Elisabeth. Sie ist so ansteckend!
    Wir brauchen Vorbilder im Leben. Du bist es für mich. So schön….
    Mit den allerbesten Wünschen für Dich!
    Malgosia

    • Hallo mein Sohn wurde mir eine beidseitigen Hornhauttrübung geboren Sehkraft unter 2%.
      Wir haben ihn im Alter von 6 Monaten in Rochester, NY operieren lassen. Er hat die Prothese in beiden Augen implantiert bekommen.
      Kostenfaktor von 2007 bis 2014 ca.100.000 €uro.
      Die Kosten wurden von Spendern bis heute bezahlt da sich die Gesetzliche Krankenkasse sich weigert daran zu beteiligen. Wir selber wussten auch nicht ob das nur eine Geldmacherei sei oder Wahrheit, est stellt sich heraus das unser Sohn heute Sehen kann. Er kann farben sehen und Sitzt sogar vor dem Fernsehn und schaut sich Zeichentrickfilme an. Für uns ist es wie ein Traum das er sehen kann, da uns in Duetschland und Europaweit keiner helfen wollte die Aussage der Ärzte hier war: Geben sie sich mit dem Blindegeld ab und lassen sie ihr Kind damit leben. Doch unsere bestreben hat sich gelohnt und hat seine Eltern, Geschwister, Verwandte zu sehen bekommen doch wie lange wissen wir bis heute nicht. Wenn die Finanzielle mitteln erschöpft sind wissen wir nicht wie es weíter gehen wir.Marco ist heute 7 Jahre alt und er geht in die erste Klasse und kann ohne Blindenstock oder andere Hilfsmittel zum Schulbus laufen.
      http://www.urmc.rochester.edu/news/story/index.cfm?id=3489
      http://www.regio-tv.de/video/196578.html

      MfG.
      Giugliano Contaldo

      • Roeske
        habe im februar 2014 in einer kölner klinik eine boston-keratoprothese implantiert bekommen,da nach mehreren hornhauttransplantaten keine besserung der 2008 verätzten augen eintrat.mit der prothese habe ich wieder ein stück lebensqualität erobern können.
        ich kann wieder aus einer geringen entfernung größere buchstaben lesen und personen erkennen.meine BG hat die kosten übernommen.
        ich selber weiß nicht wie hoch diese kosten sind.
        ich bin sehr froh und glücklich wieder etwas mehr sehen zu können.mein visus ist von 2% auf ca.10% gestiegen auf einem auge ,mit dem linken auge sehe nur 2%.

        mit freundlichem gruß

        • Hallo Roeske,
          ich hatte 2008 auch einen Unfall bei dem meine beiden Augen verätzt wurden. Ich wurde gefühlte 100 mal operiert, es müssten aber ca.40 Stück gewesen sein… Nun kann ich schon etwas besser sehen. Das Thema Künstliche Hornhaut beschäftigt mich nun auch schon ein paar Tage. Könntest du mir einen Anprechpartner in der Kölner Klinik nennen? Oder mir weitere Infos zu diesem Thema senden?

          Gruß Dominic

          • Hallo Dominic Wenn es um das Thema „Transplantat“ geht, gibt es für mich zwei Adressen, die ich ohne Bedenken weiterempfehlen kann. Das ist zum einen Prof. Dr. Thomas Reinhard von der Uniklinik Freiburg (http://www.uniklinik-freiburg.de/augenklinik.html) oder Prof. Dr. Berthold Seitz von der Augenklinik in Homburg (http://www.uniklinikum-saarland.de/einrichtungen/kliniken_institute/augenklinik/). Diese beiden Augenärzte sind echte Koryphäen und haben bereits eine langjährige Erfahrung im Bereich Hornhaut und Transplantat. Nebenbei sind die beiden auch sehr nette Zeitgenossen und das ist ja nicht unerheblich, wenn man in einer solchen Situation steckt. Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute! Viele Grüsse von der Hecht-Bloggerin Elisabeth

          • hallo dominic
            zum thema boston-keratoprothese:
            ich wurde inder augenklink merheim operiert(köln-merheim)
            städtischen kliniken der stadt köln
            das ärzte team ist hervoragend unter der leitung von professor dr.schrage

  2. wer schreibt mir wo ich andere leidensgenossen treffen kann, die eine boston-keratoprothese inplantiert bekommen haben.
    mit freundlichem gruß
    jueroe

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