Eine Pralinenschachtel voll mit …

Beim Besuch eines Neukunden staunte ich nicht schlecht, als er mir bei unserem ersten Gespräch eine Pralinenschachtel in die Hand drückte. Eher ungewöhnlich, ich hatte ja noch gar nichts für ihn getan.

Aber nein: in der Schachtel waren keine Leckereien versteckt, sondern mindestens fünfzig Blisterpackungen der verschiedensten Austauschlinsenhersteller.

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Mit denen klappt es allen nicht! Haben Sie etwas Besseres für mich? Ich muss unbedingt gut in der Nähe und in der Ferne sehen können. Atemlos teilte er mir seine Wünsche, Erwartungen und Ansprüche an die Kontaktlinsen mit. Aber: Stören dürfen die Linsen auf keinen Fall! Und eine Brille kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Übrigens: Der letzte Augenoptiker hat es mit mir aufgegeben. Und nun hoffe ich auf Sie!

Ich dachte: Ja klar, ich bin ja auch Wonder-Woman und Super-Girl in einer Person und bin immer zur Stelle, wenn im Optikkosmos unglückliche Kontaktlinsenträger die ultimative Linse brauchen. Selbstverständlich kann diese bemerkenswerte Linse auch wie durch ein Wunder, die Alterssichtigkeit vergessen lassen.

Ich sagte aber: Bevor ich aktiv werde, müssen wir beide zuerst einmal klären, ob wir ihre Erwartungshaltung und meine Möglichkeiten der Linsenversorgung auf einen Nenner bringen können.

Nach etwa einer Stunde intensiver Diskussion kamen wir beide zum Schluss, dass es wohl besser sei, die ganze Sachlage nochmals zu überdenken. Für eine erfolgreiche Versorgung bei Presbyopie, die ihn einigermassen glücklich machen soll, braucht es vor allem seine Kompromissbereitschaft. Ansonsten wird er problemlos eine weitere Pralinenschachtel füllen können.

Lauschangriff

Ich gebe zu: Erst kürzlich beim Nachtessen in unseren Wellnessferien habe ich mitgelauscht. Aber als das Wort “Kontaktlinse“ am Nachbartisch gefallen war, wurden meine Ohren zwangsläufig immer grösser. Ein Mitvierziger erklärte seinem Vater, dass es keine Kontaktlinsen geben würde, die Ferne und Nähe korrigieren könnten. WAS! Stimmt ja gar nicht! Es juckte mich in den Fingern mich einzumischen, aber ich beherrschte mich. Trotzdem lauerte ich auf meine Chance diesen Sachverhalt richtig zu stellen.  Als sich der besagte Mittvierziger tatsächlich an der Hotelbar neben mich setzte, packte ich all meinen Mut zusammen und sprach ihn an. Aha, müssen Sie Ihre Brille abnehmen, um die Cocktailkarte zu lesen, schmunzelte ich. Da habe ich es einfacher: Ich habe Kontaktlinsen, die beides perfekt korrigieren können! Er schaute mich total ungläubig an und meinte: Jetzt hat man mir beim Augenoptiker immer erzählt, dass dies nicht möglich sei!  Doch, es funktioniert und das richtig gut, entgegnete ich. Ich zeichnete die Funktionsweise meiner Kontaktlinsen auf einer Serviette auf und erklärte ihm, wie diese Mehrstärkenlinsen funktionieren.

Serviette_2 006Das einfachste und preiswerteste System ist die sogenannte Monovision-Versorgung. Dabei wird auf dem einen Auge die Ferne und auf dem anderen Auge die Nähe korrigiert. Es gibt aber tatsächlich auch Mehrstärkenlinsen, vergleichbar mit den bekannten Mehrstärkenbrillen. So zum Beispiel die alternierenden Linsen, welche über einen getrennten Fern- und Nahteil verfügen und einer Bifokalbrille sehr ähnlich sind.

Andere alternierende Systeme haben ein kreisförmig aufgebautes Design, dabei liegt im Zentrum die Ferne und in der Peripherie die Nähe.

Bei den sogenannten Simultanlinsen sind die Sehbereiche so angeordnet, dass man gleichzeitig durch ein Fern- und ein Nahteil schaut. Dabei entsteht zum Beispiel in der Ferne ein scharfes Bild für die Ferne, welches überlagert wird durch ein unscharfes Bild der Nähe. Beim Blick in die Nähe ist es genau umgekehrt. Es klingt zwar ein wenig verrückt, aber es funktioniert.

Und selbstverständlich kann man die Systeme miteinander kombinieren, dann spricht der Fachmann von einer modifizierten Anpassung.

Nach einer Weile fragte er mich, warum ich denn so gut Bescheid wüsste. Ich habe mich daraufhin als Kontaktlinsenspezialistin geoutet. Er werde nach seinen Ferien mit seinem Augenoptiker Kontakt aufnehmen und diesen Sachverhalt nochmals mit ihm besprechen.