Mein Haus – mein Auto – mein Körper!

Mühsam versuche ich meiner Kundin die Messbrille aufzusetzen. Wiederholt stochere ich mit den beiden Brillenbügeln in ihrer Löwenmähne herum – verzweifelt auf der Suche nach ihren Ohren. «Irgendwo müssen doch die Lauscher versteckt sein?» überlege ich im Stillen.

«Soll ich Ihnen behilflich sein?» schmunzelt sie. «Oh ja, sehr gerne.» Ich überlasse ihr das Kommando und prompt findet das Brillengestell den vorgegebenen Bestimmungsort.

«Wissen Sie, das einzige Straffe an meinem Körper sind noch die Ohren. Alles andere ist ein Meer von Falten und weichen Übergängen.» «Ach herrje! So schlimm?» entgegne ich. «Nein noch viel schlimmer!» seufzt sie.  Ein tränenreiches Lilo-Pulver-Lachflash folgt.

Und danach? Ein ernstes, tiefgründiges und spannendes Gespräch über Schönheitswahn, Körperkult, Traumfabrik und die ewige Jugend.

An Alle: Plus Fünfziger, Best-Agers, Klimakterium-Leidensgenossen, junge Alte, Oldies, Menopause-Schicksalsgefährten und Wechseljahre-Verbündete.

#1 Älterwerden ist kein Zuckerschlecken.

PAH – ich hätte es ja nie für möglich gehalten: Ab 50+ mutierte ich zur Bestie. In den Erdgeschossen diverser Warenhäuser wartet immer eine Armee von Kosmetik-Verkäuferinnen NUR 🙂 auf mich. Freudig, mit ziemlich viel Make-up und  stillgelegten Gesichtszügen kommen sie mir bereits mit offenen Armen entgegen und offerieren mir kostspielige „Forever-Young“-Produkte.

Ihr Blick ist stets gnadenlos, sie rücken einen nicht nur auf die Pelle, nein sie kommen ganz nah ans Gesicht und flüstern: “ Bis jetzt hatten sie Riesenglück, ABER wenn sie nichts tun, werden sie es bereuen.“

Eine Beauty-Verkäuferin tropfte mir einmal eine Weltneuheit: ein Anti-Aging-Vitamin-Antioxidantien-Q10-Serum auf meinen Handrücken. WOW. Mit einer Mischung aus Schadensfreude und Bedauern meinte sie unverblümt:“Es gilt den IST-Zustand zu bewahren.“ Hola die Waldfee. Meine gute Laune war damals futsch. Kein Wunder. Zum Glück bin ich ja mit einem starken Selbstbewusstsein ausgerüstet. Es kam zu keinem Kollateralschaden. Grimmig dachte ich mir nur: „Auch Du wirst irgendwann mal Fünfzig.“

Foto von Lauren Peng auf Unsplash

#2 Moment mal – Ich habe was verloren: Mein Leben!

Häufig hören wir nur auf die Ratschläge Anderer, sie kleben wie Kaugummi an der Schuhsohle. Weil wir sehr oft „Ja“ sagen, wenn wir „Nein“ meinen, weil wir oft mit dem Strom schwimmen, statt einmal dem Mainstream die rote Karte zu zeigen. Weil wir häufig Berufe nicht aus Berufung, sondern aus Gewohnheit und Pflichtbewusstsein ausüben. Weil wir Freundschaften eingehen, die eigentlich keine sind. Und weil wir vielfach zu bequem sind, noch irgendetwas zu verändern. Egal wie alt – es ist nie zu spät – durchzustarten und einen selbstbestimmten Kurswechsel in Angriff zu nehmen. Aber bitte immer: Auf sein Herz hören und seinem siebten Sinn vertrauen.

#3 Zahnersatz, Arthrose, Hörgerät, Lesebrille und senile Bettflucht

Jetzt mal ehrlich: Es gibt diese rastlosen Momente:  Angst, Bedauern, innere Leere, Trostlosigkeit und „Grübelmonsterphasen“ (mein Synonym für Midlife-Crisis 🙂 ).

Und dann das i-Tüpfelchen obendrauf: “ Jetzt brauchen sie halt eine Lesebrille.“ Klar hilft die dann auch beim Kleingedruckten. Keine Frage. Ist ja auch ein gut gemeinter Ratschlag, aber trotzdem ist es auch immer eine Kampfansage an das innerste Seelenleben.

Die Midlife-Krise ist kein Mythos, hat aber auch nichts mit schnellen Autos, Affären oder peinlichen Sportunfällen zu tun. Es ist schlicht und ergreifend eine Zeit des Wandels – vergleichbar wie die Pubertät. Punkt! Und für alle da draussen, die sich genau darüber lustig machen: Eine solche Lebensphase verändert jeden von uns und zwar bedeutend. Hey ab 40+ ist Halbzeit und für alle ab 50+ (es ist keine Krankheit!) gilt: Das Glück klingelt nicht an der Haustür! Also: Setze Himmel und Hölle in Bewegung, um dein Leben jetzt zu bereichern und lass es noch einmal so richtig krachen. Und unter uns: Völlig Wurscht, was Andere denken, meinen, spekulieren und aus den Fingern saugen.

#4 Dicke Lippe oder was?

Über Schönheitsideale, dem Wunsch möglichst lange richtig gut und jung auszusehen und irgendwann auch: Kosmetisch, plastisch oder chirurgisch nachzuhelfen, kann man durchaus diskutieren.

Es ist aber natürlich auch ein Unterschied, ob ich noch jung, frisch und glattgebügelt daher komme, oder eben jung geblieben, nicht mehr ganz frisch um die Ohren und Falten zum Gesicht einfach dazugehören. Ade Feuchtigkeit und Elastizität. Hallo Hängebäckchen, Doppelkinn, Furchen, Krähenfüsse (schreckliches Wort) und schlaffe Haut.

Es ist es doch völlig verständlich, sich dann darüber Gedanken zu machen, ob an Nase, Mund, Stirn und Co gestrafft, gespritzt, aufgefüllt, gebotoxt oder geliftet werden soll.

Ich finde diese Boulevard-Stammtisch-Hinter-Vorgehaltener-Hand-Gespräche zu: „Hast Du gesehen, Moni aus der Buchhaltung hat doch tatsächlich …!“ zum Erbrechen. Sorry.  Schönheit kommt von innen. Ja stimmt. Natürlich ist der schönste Mensch auch derjenige mit dem grössten Herzen. Unbestritten. Aber jeder Mensch hat auch das Recht sich in seiner eigenen Haut wohl zu fühlen.

Fazit: Älterwerden ist zwar nicht immer lustig, aber auch kein Grund zur Panik. Die wilden Jahre kommen jetzt erst 😉 .